Sonntag, 1. Juli 2012

"Springer, zwei vokale, sechs Konsonanten, die Chiffre von Hetze und Niedertracht"?


Pünktlich zum 100. Geburtstag von Axel Springer veröffentlichte nun Tilman Jens die Biographie „Axel Cäsar Springer – Ein deutsches Feindbild“

Es hätte alles so schön sein können – 2. Mai 2012, Berlin: Die Leute feiern auf den Straßen. Ausnahmezustand in Berlin. Der zweite Mai wird zum Axel-Springer-Tag ausgerufen. Ein großer Visionär und Unternehmer wird 100 Jahre alt - doch leider kam es nie soweit. Zum Einen, weil Axel Cäsar Springer schon seit 1985 nicht mehr unter den Lebenden weilt und zum Anderen, da er eine viel umstrittenere Person war, als es sein Verlag und speziell die BILD gerade in den letzten Monaten den Leute glauben machen wollten. Somit hätte Springer, wenn er noch am Leben gewesen wäre, diese Schlagzeilen wohl nicht einmal der BILD in Auftrag geben können, auch wenn davon auszugehen ist, dass dem Verlagsleiter, der sich am Telefon schon mal mit den Worten „Hier spricht der König selbst“ meldete, nichts lieber gewesen wäre.
Auch Tilman Jens fasst diesen „Was wäre wenn…“- Gedankengang auf und spekuliert zu Beginn seines neuen Buches „Axel Cäsar Springer- Ein deutsches Feindbild“, was denn nun wirklich geschehen wäre, wenn der Verlagsgründer des Axel-Springer-Verlags und Erfinder der BILD noch leben würde. Mit diesem Gedankenspiel leitet er über zur Geschichte des Axel Springers. Doch Jens sattelt das Pferd von hinten auf und geht zunächst auf aktuelle Geschehnisse, wie die Wulf-Affäre oder die Gutenberg-Debatte ein, um von dieser literarischen Gegenwart einen Sprung zum Anfang von Axel Springers Leben zu wagen. Jens beschreibt teils kritisch, teils unreflektiert die verschiedenen Stadien in Springers Leben. Die Themen, die der Autor pauschal behandelt, erinnern dabei grob an die Titel von Guido-Knopp-Reportagen: Springer und seine Frauen, Springer und seine Geschäfte, Springer und seine Helfer und vor allem Springer und seine Feinde. Doch der Autor geht weiter, als jeder andere Biograph und fantasiert nicht nur über die Feier zum 100. Geburtstag Springers, sondern beschreibt darüber hinaus sein Leben nach dem Tod und seine Abenteuer im Himmel.

Tilman Jens lässt durchgängig sowohl Befürworter, als auch Gegner des Großunternehmers zu Wort kommen und spickt seine Ausführungen mit Zitaten Springers, er wechselt dadurch häufig die Perspektive und bietet einen umfassenden Überblick über diese umstrittene Persönlichkeit und dessen Handlungen. Auch sprachlich spielt Jens unterstützend mit einem teils sachlichem Ton und teils farbigem BILD-Vokabular. Trotz dieser Vielschichtigkeit, positioniert sich der Autor in kritischen Situationen der Geschichte Springers tendenziell gegen den Medienmogul. Doch der Autor beschäftigt sich nicht nur mit den offensichtlichen Debatten, sondern untersucht zusätzlich innerverlagliche Skandale, das ruhige Redaktionsleben und kratzt somit nicht nur an der Oberfläche des Feindbildes Springer. Warum soll eine Person nur eine Hassfigur oder nur eine Ikone sein? "Es zeigt eine recht deutsche Schwierigkeit einen ambivalenten Charakter auch als solchen zu ertragen.“
Der Geschichte der BILD-Zeitschrift, die damals das Kleinod Springers in seinem Medienimperium war und heute nicht nur medial und sozial, sondern sogar teilweise politisch einen großen Einfluss auf die Gesellschaft hat, nimmt natürlich einen großen Teil des Buches ein. Ein besonderes Augenmerk wird dabei auf die 68er-Bewegung geworfen, die mit ihrer Anti-Springer-Kampagne große Kritik an das Boulevardblatt und den Verlag äußerte und so vor allem die BILD zu einem Protagonisten der deutschen Geschichte erklärte. Speziell die Beziehung zwischen Rudi Dutschke und Axel Springer greift der Autor auf und behandelt diese in seinem Epilog im Himmel weiter. Schlussendlich, nach dem die Beiden im Paradies etwas Smalltalk und eine Aussprache hatten, nennen sie sich einträchtig beim Vornamen. Ein literarischer Schachzug, um mittels eines imaginierten Aufeinandertreffens der Antagonisten die Geschehnisse der Vergangenheit zu deuten. Doch den hätte sich der Autor  sparen können, da er die Qualität des Buches beeinträchtigt und ihm einen entsetzlichen Kitsch verleiht. Zusätzlich wurde dieser Abschnitt taktisch Unklug an das Ende gesetzt, da mit diesem Schlussaspekt die ganze Lektüre einen bitteren Nachgeschmack bekommt.
Nichtsdestotrotz darf man sich dadurch nicht beirren lassen, denn ansonsten ist es ein sehr unterhaltsames, aber vor allem informatives Buch, welches auch Anekdoten zum Besten gibt, die schon längst in Vergessenheit geraten sind, wie beispielsweise die Reise Springers nach Moskau, bei der er erfolglos im Alleingang versucht hat Chruschtschow anhand eines Fünf-Punkte- Plans die Wiedervereinigung Deutschlands schmackhaft zu machen. So wird die Geschichte Deutschlands anhand der Handlungen Springers und der „Springerkonflikte“ wiedergegeben. Ein großartiges Buch über eine faszinierende Persönlichkeit und seinen Verlag, der wie nachweislich kein anderer Verlag Deutschland geprägt hat . Und genau diesen Aspekt lässt Jens den Leser immer wieder spüren.

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