Pünktlich zum 100. Geburtstag von Axel Springer veröffentlichte
nun Tilman Jens die Biographie „Axel Cäsar Springer – Ein deutsches Feindbild“
Es hätte alles so schön sein können – 2. Mai 2012, Berlin: Die
Leute feiern auf den Straßen. Ausnahmezustand in Berlin. Der zweite Mai wird
zum Axel-Springer-Tag ausgerufen. Ein großer Visionär und Unternehmer wird 100
Jahre alt - doch leider kam es nie soweit. Zum Einen, weil Axel Cäsar Springer
schon seit 1985 nicht mehr unter den Lebenden weilt und zum Anderen, da er eine
viel umstrittenere Person war, als es sein Verlag und speziell die BILD gerade
in den letzten Monaten den Leute glauben machen wollten. Somit hätte Springer,
wenn er noch am Leben gewesen wäre, diese Schlagzeilen wohl nicht einmal der
BILD in Auftrag geben können, auch wenn davon auszugehen ist, dass dem
Verlagsleiter, der sich am Telefon schon mal mit den Worten „Hier spricht der
König selbst“ meldete, nichts lieber gewesen wäre.
Auch Tilman Jens fasst diesen „Was wäre wenn…“- Gedankengang
auf und spekuliert zu Beginn seines neuen Buches „Axel Cäsar Springer- Ein
deutsches Feindbild“, was denn nun wirklich geschehen wäre, wenn der
Verlagsgründer des Axel-Springer-Verlags und Erfinder der BILD noch leben
würde. Mit diesem Gedankenspiel leitet er über zur Geschichte
des Axel Springers. Doch Jens sattelt das Pferd von hinten auf und geht zunächst
auf aktuelle Geschehnisse, wie die Wulf-Affäre oder die Gutenberg-Debatte ein,
um von dieser literarischen Gegenwart einen Sprung zum Anfang von Axel
Springers Leben zu wagen. Jens beschreibt teils kritisch, teils unreflektiert
die verschiedenen Stadien in Springers Leben. Die Themen, die der Autor
pauschal behandelt, erinnern dabei grob an die Titel von Guido-Knopp-Reportagen:
Springer und seine Frauen, Springer und seine Geschäfte, Springer und seine
Helfer und vor allem Springer und seine Feinde. Doch der Autor geht weiter, als
jeder andere Biograph und fantasiert nicht nur über die Feier zum 100.
Geburtstag Springers, sondern beschreibt darüber hinaus sein Leben nach dem Tod
und seine Abenteuer im Himmel.
Tilman Jens lässt durchgängig sowohl Befürworter, als auch
Gegner des Großunternehmers zu Wort kommen und spickt seine Ausführungen mit
Zitaten Springers, er wechselt dadurch häufig die Perspektive und bietet einen
umfassenden Überblick über diese umstrittene Persönlichkeit und dessen Handlungen.
Auch sprachlich spielt Jens unterstützend mit einem teils sachlichem Ton und teils
farbigem BILD-Vokabular. Trotz dieser Vielschichtigkeit, positioniert sich der
Autor in kritischen Situationen der Geschichte Springers tendenziell gegen den
Medienmogul. Doch der Autor beschäftigt sich nicht
nur mit den offensichtlichen Debatten, sondern untersucht zusätzlich
innerverlagliche Skandale, das ruhige Redaktionsleben und kratzt somit nicht
nur an der Oberfläche des Feindbildes Springer. Warum soll eine Person nur eine
Hassfigur oder nur eine Ikone sein? "Es zeigt eine recht deutsche
Schwierigkeit einen ambivalenten Charakter auch als solchen zu ertragen.“
Der Geschichte der BILD-Zeitschrift, die damals das Kleinod
Springers in seinem Medienimperium war und heute nicht nur medial und sozial,
sondern sogar teilweise politisch einen großen Einfluss auf die Gesellschaft
hat, nimmt natürlich einen großen Teil des Buches ein. Ein besonderes Augenmerk
wird dabei auf die 68er-Bewegung geworfen, die mit ihrer Anti-Springer-Kampagne
große Kritik an das Boulevardblatt und den Verlag äußerte und so vor allem die
BILD zu einem Protagonisten der deutschen Geschichte erklärte. Speziell die
Beziehung zwischen Rudi Dutschke und Axel Springer greift der Autor auf und behandelt
diese in seinem Epilog im Himmel weiter. Schlussendlich, nach dem die Beiden im
Paradies etwas Smalltalk und eine Aussprache hatten, nennen sie sich
einträchtig beim Vornamen. Ein literarischer Schachzug, um mittels eines imaginierten
Aufeinandertreffens der Antagonisten die Geschehnisse der Vergangenheit zu
deuten. Doch den hätte sich der Autor
sparen können, da er die Qualität des Buches beeinträchtigt und ihm
einen entsetzlichen Kitsch verleiht. Zusätzlich wurde dieser Abschnitt taktisch
Unklug an das Ende gesetzt, da mit diesem Schlussaspekt die ganze Lektüre einen
bitteren Nachgeschmack bekommt.
Nichtsdestotrotz darf man sich
dadurch nicht beirren lassen, denn ansonsten ist es ein sehr unterhaltsames, aber
vor allem informatives Buch, welches auch Anekdoten zum Besten gibt, die schon
längst in Vergessenheit geraten sind, wie beispielsweise die Reise Springers
nach Moskau, bei der er erfolglos im Alleingang versucht hat Chruschtschow
anhand eines Fünf-Punkte- Plans die Wiedervereinigung Deutschlands schmackhaft
zu machen. So wird die Geschichte Deutschlands anhand
der Handlungen Springers und der „Springerkonflikte“ wiedergegeben. Ein
großartiges Buch über eine faszinierende Persönlichkeit und seinen Verlag, der
wie nachweislich kein anderer Verlag Deutschland geprägt hat . Und genau diesen
Aspekt lässt Jens den Leser immer wieder spüren.
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